Die teuerste Verzögerung: Wenn die Produktionslinie beim Kunden stillsteht

Beschaffung und Logistik 2025: Bestand = Überleben

Wer heute in der Beschaffung oder Logistik der Automobilindustrie arbeitet, weiß genau, was Unberechenbarkeit bedeutet.

In diesem Beitrag zeigen wir, wie wir auf die logistischen Herausforderungen der Automobilindustrie im Jahr 2024 reagiert haben.

Wir zeigen, wie wir immer wieder neu planen mussten und was wir dabei über Beschaffung und Bestandsmanagement gelernt haben.

Wechselnde Vorzeichen: Herausforderungen in Beschaffung und Logistik 2025

Vor drei Jahren leitete unsere Geschäftsführung nach umfassenden internen Untersuchungen, Marktforschung und Fachberatungen einen strategischen Kurswechsel ein.

Bis dahin hatten sich unsere beiden Hauptgeschäftsfelder – der Spritzgießwerkzeugbau und die Serienfertigung von Kunststoffspritzgussteilen – lediglich gegenseitig unterstützt, ohne als gemeinsames Angebot am Markt aufzutreten.

Werkzeugversuche und Vor-Ort-Service schufen eine wirksame Verbindung. Wir erkannten jedoch, dass ein echter Wettbewerbsvorteil nur durch eine enge Verzahnung beider Bereiche und eine umfassende, auf Projektmanagement in der Automobilindustrie ausgerichtete Dienstleistung entstehen konnte.

Deshalb konzentrierten wir uns auf die Gewinnung kompletter Projekte, bei denen von der Werkzeugkonstruktion und -fertigung bis zur Serienproduktion alles im eigenen Haus erfolgt.

Unser vorrangiges Ziel wurde die Gewinnung mehrjähriger Projekte zur Belieferung der Automobilindustrie.

Seit 2021 wurden auf diese Weise zwei großvolumige Automobilprojekte gestartet, die sich inzwischen in der Serienfertigung befinden. Detaillierte Fallstudien dazu werden wir in Kürze veröffentlichen.

Die vergangenen Jahre haben jedoch weder die Branche noch unser Unternehmen verschont.

Erschwerte Bedingungen: Automobilindustrie und unsichere Lieferketten

2024 gingen die Aufträge in der Automobilindustrie europaweit zurück. Mehrere unserer OEM-Partner führten vorübergehende Produktionsstopps ein, die sich auf die gesamte Lieferkette auswirkten.

Dies führte zu Umsatzausfällen, einem langsameren Lagerumschlag und zeitweisen Stillständen. Aufgrund sinkender Mengen verfolgten wir eine vorsichtigere Bestandspolitik.

Wir reduzierten die Sicherheitsbestände an Rohstoffen, Zukaufteilen und Fertigprodukten deutlich.

Ende 2024 erschien diese Entscheidung gerechtfertigt. Die Sicherung eines positiven Cashflows hatte Vorrang: Wir konnten es uns nicht leisten, Kapital in Lagerbeständen zu binden. Auch die schwankende Nachfrage mahnte zur Vorsicht.

Angesichts ungünstiger Prognosen und möglicher Projektstopps wollten wir das Risiko überschüssiger, nicht mehr benötigter Bestände minimieren.

Längere Lieferzeiten, unberechenbare Lieferanten

Beim Wiederanlauf der Projekte nutzten wir unsere vorhandenen Bestände und bestellten Material im gewohnten Rhythmus.

Ende 2024 verlängerten jedoch mehrere Lieferanten ihre Lieferzeiten ohne Vorankündigung.

Statt der bisherigen 6–8 Wochen stiegen die Lieferzeiten auf bis zu 20 Wochen. Dies stellte ein erhebliches Logistikrisiko für die Automobilfertigung dar. Vermutlich waren auch die Lieferanten zu einer vorsichtigeren Bestandspolitik übergegangen.

Anfang 2025 wurde deutlich, dass eine Neustrukturierung der Sicherheitsbestände unvermeidbar war. Wegen der längeren Lieferzeiten mussten wir wieder mit höheren Lagerbeständen planen.

Die Schwierigkeiten hielten jedoch an.

Ein kritischer Lieferantenausfall – wie haben wir reagiert?

Der Hersteller eines Zukaufteils für eines unserer Automobilprojekte konnte selbst die Frist von 20 Wochen nicht einhalten. Ein Maschinenausfall verzögerte die Lieferung weiter und wirkte sich unmittelbar auf unsere Fertigungsplanung aus.

Es entstand ein Engpass, der die Versorgung des Kunden gefährdete. Die Lieferzeit von 20 Wochen konnten wir noch durch unsere Sicherheitsbestände abdecken.

Die zusätzlichen Wochen ließen sich jedoch nicht mehr im Zeitplan auffangen.

Unsere Lösungen:

  • Wir beschafften das Bauteil zunächst auf eigene Kosten per Expressfracht und machten diese Kosten anschließend beim Lieferanten geltend.
  • Wir organisierten zusätzliche Schichten, um die verspätet eingetroffenen Teile schnellstmöglich zu verarbeiten.
  • Zusätzlich zu den wöchentlichen Lieferungen versandten wir europaweit Expresssendungen an den Kunden. Ziel war es, einen Stillstand seiner Produktionslinie zu verhindern.

Erkenntnisse

Anfang 2025 zeigte sich erneut: Beschaffung und Logistik sind strategische Schlüsselbereiche eines industriellen KMU.

Die Belieferung der Automobilindustrie erfordert Flexibilität, schnelle Reaktionen, proaktives Bestandsmanagement und ausgezeichnete Lieferantenbeziehungen.

In vielen Fällen verlangt sie auch eine höhere Risikobereitschaft, als wir es bisher gewohnt waren.